BME/IHK-Region Bodensee-Oberschwaben


11.03.2016

„Ressourcen in China sind längst nicht erschöpft“

Die BME-Region Bodensee lud in Weingarten zum After Work Networking. Ausgetauscht wurde über die Perspektiven der Beschaffung in Fernost.

Egal, ob man die Fläche, die Einwohnerzahl oder die Wirtschaftsleistung betrachtet: China ist in jeder Hinsicht von immenser weltwirtschaftlicher Bedeutung. Es hat die globalen Business-Netzwerke in den vergangenen Jahrzehnten so stark verändert wie kein anderes Land dieser Welt. Allerdings zeigen die aktuellen Entwicklungen mit einem nachlassenden Wirtschaftswachstum, Börsenausschlägen und einem Währungsverfall, dass die Dynamik der vergangenen Jahre als Beschaffungs- und Absatzmarkt nicht von endloser Dauer ist. Grund genug für die BME-Region Bodensee-Oberschwaben, auf einer After-Work-Veranstaltung unter dem Motto „China – Die weltgrößte Volkswirtschaft als Sourcing-Partner“ auf die aktuelle Situation in Fernost zu blicken. Bei einem straffen Programm mit insgesamt drei Vorträgen gelang es, ein Gesamtbild von den Möglichkeiten zu zeichnen, die Spezifika einzelner Warengruppen aufzuzeigen und Problematiken wie etwa bei den Losgrößen deutlich zu machen.

Gemeinsam mit der lokalen IHK begrüßte die BME-Region 65 Besucher aus mittelständischen Unternehmen in den Räumen der Industrie- und Handelskammer in Weingarten. „Dieser Vortragsabend bietet die Möglichkeit, einen Einblick in den Beschaffungsmarkt zu gewinnen und Erfahrungen mit anderen Unternehmen aus unserer Region in China auszutauschen“, gab der Regionsvorsitzende Paul Hofmann die Marschrichtung vor. Ein Gast aus Südtirol bewies, dass die Teilnehmer teils lange Strecken auf sich genommen hatten, um der Veranstaltung zu folgen. Dass das Publikum nicht enttäuscht wurde und die Vorträge auf große Resonanz stießen, zeigte eine 45 Minuten andauernde Frage-Antwort-Runde nach den Vorträgen, bevor es zum abschließenden Networking-Imbiss überging.

„China steht bereits heute für fast ein Siebtel der weltweiten Wirtschaftsleitung“, machte der China-Beauftragte des BME, Riccardo Kurto, in seinem Vortrag zunächst das Potenzial der weltgrößten Volkswirtschaft deutlich. Um dort erfolgreich zu sein oder zu werden, sei intern eine große Rückendeckung durch das Top Management nötig. Extern zählte er Qualitätsfragen, die Hürden bei der Kommunikation und die Identifikation von Lieferanten zu den größten Herausforderungen. Bei alldem könne der BME mit seinem großen Netzwerk behilflich sein, insbesondere auf der jährlichen Industrial Purchasing Week in Shanghai. Im Rahmen der China-Woche geben Experten bei der Sourcing Conference ihr Wissen weiter. Mit ihrem reversen Prinzip sei die versetzt stattfindende International Sourcing Fair außerdem die ideale Möglichkeit, um effizient Kontakte zu Lieferanten aufzubauen.

Anschließend berichteten noch zwei Einkäufer aus ihrer Berufspraxis. Diehl Controls, ein Hersteller von elektronischen Steuerungen für Hausgeräte und Energiemanagementsysteme, deckt einen wesentlichen Teil seiner Bedarfe in Asien. Für Erich Graf sind die Ressourcen in Fernost längst noch nicht erschöpft. Er hält es nach wie vor für eine spannende Aufgabe, dort stabile Lieferbeziehungen aufzubauen. „Offenheit, Kontakt, Vorort-Besuche und Kenntnisse der unterschiedlichen Kulturen sind dafür zwingend erforderlich“, sagte der Vice President Corporate Procurement in seinem Erfahrungsbericht. Zu den größten Herausforderungen zählt er die aufwendige Logistik und die langen Lieferzeiten. Heutzutage gebe es jedoch viele Alternativen, um die Auswirkungen der räumlichen Distanz abzumildern: „Angefangen von Schiffsrouten durch das Nordpolarmeer, über Schienentransporte durch Russland bis hin zu Kombilösungen aus Luft- und Seefracht“, so Graf. Außerdem nannte er „Off the book Lösungen“, Supplier Finance Angebote, Konsignationsläger oder VMI-Lösungen als Möglichkeiten zur Abhilfe.

Ein weiterer Beitrag kam von Harald Schneider. Er leitet den strategischen Einkauf des Geschäftsfeldes Antriebstechnik der Zollern GmbH & Co. KG, die in China seit 1995 mit einer Niederlassung aktiv ist. „Das Land entwickelt sich weg von einer verlängerten Werkbank der Welt. Die Zeiten, in der China mit Billiglöhnen einen Wettbewerbsvorteil hatte, sind vorbei“, zitierte er den Pekinger Wirtschaftsprofessor Liu Yuanchun. Auch deshalb baute er in den vergangenen Jahren vor Ort eine eigene Einkaufsorganisation mit neuen strategischen Möglichkeiten auf, um weniger stark von Deutschland abhängig zu sein und zusätzliche Komponenten in die Heimat liefern zu können. Die Umstrukturierung half ihm dabei, qualifizierte Lieferanten für zusätzliche Warengruppen und kleinere Losgrößen aufzubauen. „In China gibt es immer noch eher Großserienfertiger“, brachte er das Problem vieler Mittelständler auf den Punkt, die eher kleine Stückzahlen benötigen. Wie er aufzeigte, kann er mit diesen neugewonnen Spielraum auch dem Problem der zunehmenden Währungsschwankungen besser begegnen, weil der Einkauf in China vermehrt lokal agiert.

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