BME/IHK-Region Bodensee-Oberschwaben


27.10.2017

Digitalisierung nimmt Fahrt auf

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Der 2. „Lake Constance Supplier Dialogue“ stand im Zeichen von Innovation, Digitalisierung und Risikomanagement. Wer in agilen Partnerschaften Innovationen vorantreibt, muss die neuen Ökosysteme mit Weitsicht managen.

Vor einer imposanten Bergkulisse ist am 24. Oktober der 2. Lake Constance Supplier Dialogue in Friedrichshafen am Bodensee eröffnet worden. Digitalisierung, Innovation, Risikomanagement waren die Themen, über die die 250 Teilnehmer des zweiten „Lake Constance Supplier Dialogue“ unter dem Motto „Innovation goes digital“ in Friedrichshafen diskutierten. Eingeladen hatte der BME gemeinsam mit ZF Friedrichshafen und Rolls-Royce Power-Systems. Durch die Veranstaltung führte Horst Wiedmann, Vorstandsvorsitzender des BME e.V.

Daten, das neue Gold

Im großen Saal des Graf-Zeppelin-Hauses ging es um die digitale Erschütterung samt ihrer Vorboten, die die deutsche Industrielandschaft schon seit einiger Zeit auf den Prüfstand stellt. Auch Einkauf und Materialwirtschaft sind gefragt, nicht nur ihre Prozesse durchgängig zu digitalisieren. Für die Beschaffung ändert sich im Zuge der Digitalisierung sogar die Währung: „Informationen und Daten werden zum neuen Goldstandard“, erklärte Dr. Silvius Grobosch, Mitglied des geschäftsführenden Bundesvorstands des BME e.V.

Job-Vernichter?

Ohne Automatisierung ist die Flut an Daten nicht zu bewältigen. Schon heute erledigt Software im Einkauf auf Kopfdruck das, was früher mehrtägige Analysen notwendig gemacht hat. Jetzt kommen die selbstlernenden Maschinen dazu, die auf der Basis hochentwickelter Algorithmen Beschaffungsdaten so aufbereiten, dass sich daraus Potenziale und Maßnahmen scheinbar wie von selbst ableiten. Doch was macht dann der Einkauf? „Digitalisierung und kognitive Technologien wie Deep Learning müssen keine Job-Vernichter sein“, zeigt sich Silvius Grobosch überzeugt. „Sie sind für Unternehmen das Mittel zeitsparender zu arbeiten.“ Für den Einkauf heißt das, sich künftig noch konsequenter auf das Wesentliche zu fokussieren und noch vielfältigere Rollen, Aufgaben und Verantwortungen zu übernehmen

Endlich ohne Papier

Doch in der Lieferkette – sei es allein vom Wareneingang bis zum Versand – findet man  selbst bei internationalen Konzernen mit ihren umfassenden Digitalisierungsstrategien noch viel Papier. „Wir müssen unseren Mitarbeitern vermitteln, dass wir auch mit einfachen Prozessverbesserungen den digitalen Wandel einleiten“, erklärt Wilhelm Rehm, Mitglied des Vorstands der ZF Friedrichshafen AG. Gleichzeitig ist er sich sicher: "Wenn jedes Produkt, jedes Bauteil Daten verschickt, wird das Prozesse komplett verändern und bestehende Branchen ins Wanken bringen." Im Einkauf ist das Ziel, durch die Einführung einer neuen, zentralen Kommunikationsplattform die internen Bearbeitungszeiten deutlich zu reduzieren. Autonome Prozesse, die ihren Mehrwert unter anderem durch Echtzeit und Qualität der Daten ausspielen sind die Zukunft.

Neue Vertragsmodelle

Digitale Geschäftsmodelle verändern die Partnerschaft mit Lieferanten. Prof. Michael Eßig von der Universität der Bundeswehr München weist auf die zunehmende Bedarfs- und Leistungsbündelung hin, wenn statt Einzel- oder Komplettleistungen digitale Gesamtlösungen verhandelt werden. Das heißt: In Zukunft verkaufen Automobilhersteller keine Autos mehr, sondern Mobilität als Dienstleistung. Das bedeutet veränderte Zahlungsmittelzuflüsse mit Auswirkungen auf die Zusammenarbeit und Vertragsgestaltung mit Lieferanten.

Im Rahmen des Performance Based Contracting werden dann nicht mehr Anlagen und Maschinen („Input“) gekauft, sondern das Leistungsergebnis („Output“ bzw. „Outcome“): Der Beschaffer zahlt pro lackiertem und verkauftem Fahrzeug und kauft keine Lackieranlage mehr. Um eine solche Flotte an Produkt-Service-Systemen zu managen, empfiehlt Eßig ein ergebnisorientiertes Contracting, bei dem die Aufgabenteilung zwischen Lieferant und einkaufendem Unternehmen klar abgegrenzt und das Leistungsergebnis mit einem Anreizmechanismus für den Lieferanten versehen wird.

Digitale Compliance

Wer mit Daten handelt, für den stellt die Frage: Wem gehört die Datenflut? Wer hat ein Anrecht darauf? Wer darf wie damit umgehen - auch international? Damit ist Digitalisierung zugleich immer eine Frage von Compliance und damit letztlich Teil des Risikomanagement. „Digitalisierung bedeutet, dass wir als Unternehmen immer mehr Partnerschaften eingehen und in dem Moment, in dem wir Partnerschaften eingehen, werden wir anfälliger“, erklärt Marcus A. Wassenberg, Finanzvorstand, Rolls-Royce Power Systems AG. Das Verhalten der Partner schlage sich immer auf das eigene Verhalten, die eigene Reputation und Verantwortung durch. Auch Rolls-Royce Power Systems öffnet im Zuge der Digitalisierung die Türen für vielfältige, neue Formen agiler Zusammenarbeit. Es entstehen eigene Ökosysteme, die es sensibel und mit Weitsicht zu managen gilt.

„Eine neue Compliance-Kultur zu etablieren ist kein trivialer Vorgang. Im Gegenteil“, mahnt Wassenberg. Weltweit müsse sehr genau auf die Einhaltung der geltenden Regeln geachtet werden. Für Rolls-Royce Power Systems gilt in der Zusammenarbeit mit Lieferanten natürlich die sogenannte Null-Linie. „Alles andere ist nicht mehr zeitgemäß“, betont Wassenberg. Doch auch gegenüber den Mitarbeitern und dem Umfeld vor Ort müssten Unternehmen ihrer Verantwortung gerecht werden. „Wir müssen die Menschen ins Boot nehmen“, erklärt der Finanzvorstand.

Menschen mitnehmen

Genau das ist Anliegen von Manne Lucha, Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg: „Wenn es um Digitalisierung geht, geht es immer auch um die Zukunft von Arbeit. Und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind noch nicht wirklich absehbar.“ Deshalb müsse es gelingen, die Menschen durch eine Qualitätsoffensive in der Bildung und sinnvolle Weiterbildungsangebote mitzunehmen. „Wenn das gelingt, werden die Chancen durch die Digitalisierung überwiegen“, ist der Minister überzeugt. „Digitalisierung und Innovation können Hand in Hand gemeinsame Wege gehen. Digitalisierung kann unser aller Leben erleichtern, die Gesellschaft voran bringen und Unternehmen erfolgreich machen, wenn wir sie dafür bewusst nutzen.“

Infrastruktur schaffen

Die Voraussetzungen sind da. Die aktuelle wirtschaftliche Lage zeichnet Dr. Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags e.V., überaus positiv. Deutschland hänge mehr als alle anderen Industrienationen von einer funktionierenden Exportwirtschaft ab. Ein funktionierendes Europa, weitere Freihandelsabkommen sowie eine umfassende Infrastrukturverbesserungen der Straßen-, Daten- und Stromnetze seien darüber hinaus für den weiteren Erfolg der deutschen Industrie unabdingbar.

Vom 2. Lake Constance Supplier Dialogue berichtete Annette Mühlberger, Journalistin

Foto: Annette Mühlberger/BME e.V.


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